Sulfat und Eisenhydroxid

Braun und salzig – wie die Kohle unserem Wasser schadet

Als Folge des Braunkohlenabbaus in der Lausitz ist die Gewässerqualität der Spree und vieler ihrer Zuflüsse durch Eisen und Sulfat stark beeinträchtigt. Die jahrzehntelange Absenkung des Grundwassers für den Braunkohleabbau führte dazu, dass im Boden gelagertes Pyrit, sogenanntes Katzengold, an der Oberfläche verwitterte. Diese Oxidationssprodukte werden nun mit dem Wiederanstieg des Grundwassers in Form von Eisenhydroxid und Sulfat in die Fließgewässer und Seen der Lausitz eingetragen. Während der Eisenocker insbesondere die Ökosysteme rund um die Flüsse der Lausitz schädigt und den Spreewald jederzeit verschmutzen könnte, bedroht die Sulfatbelastung die Trinkwassergewinnung bis nach Berlin.

Brauner Schlamm zerstört Lebensraum von Tieren und Pflanzen
Ab einer Eisenkonzentration von 3 mg/L verfärbt sich das Wasser rostrot. Die Verockerung gefährdet Tiere und Pflanzen, denn unter dem braunen Schlamm ersticken Insekten, Fische und Wasserpflanzen. Damit verschwindet auch die Nahrungsgrundlage heimischer Tiere. Gleichzeitig bedroht die unansehnliche Verockerung den Spreewald, der zu den UNESCO-Biosphärenreservaten zählt, und in der Folge die heimische Tourismusbranche. Der braune Schlamm hat sich bereits stark ausgebreitet – selbst dort, wo er im Wasser nicht sichtbar ist. So ist die Talsperre Spremberg Teil eines umfassenden Wassermanagements, das nötig geworden ist, um den Eisenocker zurückzuhalten. Das einstige Anglerparadies wurde dadurch in eine leblose Flusskläranlage umgewandelt, an der nun täglich bis zu 5 Tonnen Eisen angeschwemmt werden. Bei Hochwasser drohen erhebliche Mengen Eisen vom Gewässergrund aufgewirbelt zu werden und Richtung Spreewald abzufließen. Dies wäre nicht nur für die Flora und Fauna fatal, sondern gefährdet auch den Spreewald als einzigartiges Tourismusgebiet.

Wer zahlt? Sulfat bedroht unser Trinkwasser
Berlin gewinnt bis zu 70 Prozent seines Trinkwassers aus dem sogenannten Uferfiltrat der Spree und der Havel. Auch Frankfurt (Oder) ist, wie viele andere Städte entlang des Flusses, auf eine gute Gewässerqualität angewiesen. Laut Trinkwasserverordnung darf dabei der geltende Grenzwert von 250 Milligramm Sulfat pro Liter nicht überschritten werden, denn ein zu hoher Sulfatgehalt verschlechtert unter anderem den Geschmack – das Trinkwasser wird versalzen. Ab 500 mg/l kann bei Kleinkindern Durchfall und Erbrechen verursacht werden. Die Wasserwerke entlang der Spree sind derzeit noch in der Lage den Trinkassergrenzwert einzuhalten. Allerdings sind sie mit schwer kalkulierbaren Risiken konfrontiert: Mit der Flutung des ehemaligen Tagebaus Cottbus werden neue Sulfatfrachten freigesetzt und der angekündigte neue Tagebau Nochten II wird als weitere Sulfatquelle dazukommen. Im Sommer wird zudem sauberes Grundwasser, das mit dem sulfathaltigen Uferfiltrat vermischt wird, knapp. Die chemische Reinigung des Wassers, für die entsprechende Anlagen installiert werden müssten, wäre mit hohen Kosten verbunden. In Frankfurt/Oder wird bereits versucht Konsequenzen zu ziehen. Durch eine Reaktivierung des Wasserwerks Müllrose soll die Stadt unabhängig von der Spree zu werden. Bislang verläuft dieses Vorhaben leider erfolglos, denn der Mitverursacher der Sulfatbelastung die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- und Verwaltungsgesellschaft (LMBV) verweigert eine Kostenübernahme für das neue Wasserwerk. Neben der Gefährdung des Trinkwassers befördert Sulfat außerdem die Korrosion von Leitungen und Beton. Am Ende wir die Frage bleiben: Wer zahlt für alle diese Schäden? Schätzungsweise könnten sich die Preise für die Wasserverbraucher*innen um bis zu 30 Prozent erhöhen, um Maßnahmen gegen die Sulfatbelastung zu finanzieren.

Wo sind die Sanierungsgelder geblieben? – Der Vattenfall-Nachfolger LEAG
Diese Belastung der Wasserverbraucher*innen ist nicht zu rechtfertigen, denn die Verantwortung für die Verschmutzung der Spree liegt eindeutig beim Braunkohleabbau. Mehr als die Hälfte des Sulfats stammt aus den aktiven Tagebauen der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG). Die LEAG hat eine höchst undurchsichtige Firmenstruktur. Über Gesellschaften mit beschränkter Haftung, die als Briefkastenfirmen in Steuersümpfen sitzen, haben die tschechischen Investoren EPH und PFF Investments mit der LEAG ein Unternehmen konstruiert, das Pleite gehen kann, ohne dass die Eigentümer für die langfristigen Kosten haftbar gemacht werden können. Schon heute ist fraglich, wo die 1,7 Milliarden Euro geblieben sind, die Vattenfall im vergangenen Herbst an den neuen Eigentümer gezahlt hat. Diese Gelder war damals für die Renaturierung der Kohlegruben vorgesehen. In der Lausitz, bei der LEAG, scheinen sie aber nicht mehr zu liegen. Nicht nur wegen der akuten Insolvenzgefahr des Konzerns, müssen diese Renaturierungsgelder verpflichtend gesichert werden, damit die Steuerzahler*innen nicht auf den Folgekosten der Braunkohle sitzen bleiben. Die zukünftige Wasserqualität der Spree wird wesentlich davon abhängig sein, ob ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, um die Sulfateinträge stillgelegter Tagebau begrenzen zu können. Das Vorgehen beim sogenannten Cottbusser Ostsee, der zu 80 Prozent aus Spreewasser gespeist wird, zeigt, dass bislang kein ausreichender Schutz vor der Sulfatwelle betrieben wird. Obwohl dort eine erhöhte Sulfatkonzentration von 500 mg/l erwartet wird, sind keine ökologisch-hydrologischen Pilotprojekte und Testreihen vorgesehen, beispielsweise mit Röhrichtgesellschaften, die zur Verringerung der Sulfatfracht unverzichtbar sind.

Verschmutzer zahlen - neue Tagebaue ausschließen
Der Schutz unseres Wassers kostet Geld. Die Landesbergämter von Sachsen und Brandenburg können über sogenannte Sicherheitsleistungen die nötigen Mittel sichern. Das wurde jedoch nicht getan, obwohl das Brandenburger Wirtschaftsministerium schon lange das Kostenrisiko der Tagebausanierung kennt – wie Greenpeace durch Akteneinsicht belegt hat. Da das Brandenburger Landesamt für Bergbau, Geologie und Ressourcen (LBGR) auch die Bergbaubehörde für Berlin ist, kann der Senat ebenfalls die Einbehaltung von Sicherheitsleistungen beeinflussen. Der Regierende Bürgermeister Müller hat zudem die Möglichkeit über die gemeinsame Landes- und Entwicklungsplanung (LEP) neue Tagebaue verbindlich auszuschließen. Derzeit wird der Landesentwicklungsplan überarbeitet. In einem Beschluss haben die rot-rot-grünen Regierungsfraktionen den Senat aufgefordert, seinen dortigen Einfluss geltend zu machen und die Kohlenutzung räumlich zu begrenzen. Der neue Senat hat sich im Koalitionsvertrag außerdem darauf verständigt, die Übernahme der Kosten der Sulfatbelastung nach dem Verursacherprinzip zu regeln. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, wie belastbar diese Beschlüsse sind. Nur wenn die öffentliche Aufmerksamkeit hoch ist und die Zivilgesellschaft weiter Druck ausübt, werden den Worten auch Taten folgen und die Wasserverbraucher wirksam geschützt.


Weiterführende Links:

Einschätzung des Anteils des Sanierungsbergbaus der LMBV an der Sulfatbelastung der Spree
https://www.lmbv.de/files/LMBV/Dokumente/Wassermanagement/Verockerung%20der%20Spree/Studien/LMBV_Sulfatbilanz_Spree_Anlage_2015.pdf

Das Leiden der Spree – Bergbaufolgen
http://www.braunespreewatch.de/index.php/dlds-bergbaufolgen

Informationen zur Verockerung
http://klare-spree.de/de/informationen-zur-verockerung/allgemeine-informationen.html

Bilanz nach 100 Tagen LEAG (Greenpeace)
https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20170117_greenpeace_schwarzbuch-eph-leag.pdf

Trinkwasser für Berlin in Gefahr (2015)
http://www.tagesspiegel.de/berlin/sulfate-und-eisenocker-trinkwasser-fuer-berlin-in-gefahr/11530546.html

Sulfat in der Spree: Senat besorgt um Trinkwasser und Kosten (2016)
http://www.morgenpost.de/berlin/article207099973/Sulfat-in-der-Spree-Senat-besorgt-um-Trinkwasser-und-Kosten.html

Sulfate gefährden das Berliner Trinkwasser (2016)
http://www.berliner-zeitung.de/berlin/sulfate-gefaehrden-das-berliner-trinkwasser-23836636

Bewohner von 28 Braunkohle-Orten in Brandenburg fordern Ausschluss neuer Tagebaue im Landesentwicklungsplan

http://www.kein-tagebau.de/index.php/de/aktuell/293-bewohner-von-28-braunkohle-orten-in-brandenburg-fordern-ausschluss-neuer-tagebaue-im-landesentwicklungsplan